Der Unterschied zwischen Foto und Beobachtung
Wer neu in die Astronomie einsteigt, kennt natürlich die tollen Fotos verschiedenster Himmelsobjekte und glaubt, ähnliche Dinge am Himmel sehen zu können. Dem ist nicht so, und große Enttäuschungen können die Folge sein. Die schönen Bilder wurden nämlich meist in stundenlanger Belichtung aufgenommen, sodass mehr Licht auf dem Film gesammelt werden kann. Das menschliche Auge schafft das aber nicht, und daher ist das visuelle Sehrerlebnis ein ganz anderes als das fotografische. Aber, und das sollte man nicht vergessen, es gibt zahlreiche Objekte, die visuell schöner sind als am Foto! Nicht außer Acht lassen sollte man außerdem das "Live-Erlebnis" beim Beobachten von Himmelsobjekten. Hier nun meine Meinung zu ein paar "Objektkategorien":
- Doppelsterne: Selten auf Fotos zu finden; mir gefallen sie aber im Fernrohr ohnehin besser; lange Belichtung bringt hier nämlich auch nichts - im Gegenteil, die Sterne würden dadurch nur verwaschener.
- Planeten: Hier muß man zwei Arten von Fotos unterscheiden: Solche von erdgebundenen Teleskopen und solche von Raumsonden bzw. dem Hubble Space Teleskop; letztere sind wegen der fehlenden Erdatmosphäre natürlich schöner als das visuelle Seherlebnis. Planeten sind im Fernrohr zwar nie so groß wie auf Fotos, können aber trotzdem mehr Details zeigen als die Fotos erdgebundener Teleskope. Der Jupiter ist auf Bildern oft verwaschen und unscharf; im Fernrohr erscheint er unter guten Bedingungen scharf und offenbart eine solche Fülle an Details, dass es einem fast den Atem verschlagen kann. Scharfe, erdgebundene Fotos sind in den letzten Jahren - auch für Amateure - durch den Einsatz der CCD-Technologie möglich geworden.
- Galaxien: Der Anblick im Fernrohr kommt in der Regel nicht an die bekannten Bilder heran. Am schönsten sind im Fernrohr noch Galaxien in Kantenlage. Galaxien, wo wir "von oben" draufschauen, sind meistens seeehr lichtschwach und offenbaren kaum Details. Ein Beispiel ist der Dreiecksnebel (M 33), der zwar eine recht beeindruckende Gesamthelligkeit von ca. 5m7 hat, aber trotzdem nur bei wirklich dunklem Himmel beobachtbar ist.
- Nebel: Positiv macht sich auch hier die lange Belichtungszeit bei Fotografien bemerkbar. Bei manchen Objekten kann man allerdings die Fotos visuell recht gut nachvollziehen, so z. B. bei M 27 (Hantelnebel), M 57 (Ringnebel), M 17 (Schwannebel), z. T. Cirrus-Nebel. Der Orion-Nebel ist visuell sehr beeindruckend, er sieht aber doch so anders als die Fotos aus, dass man das in meinen Augen fast nicht vergleichen kann. Bei den meisten Objekten sind aber die Fotos schöner.
Sehr viel kann man bei einigen Nebeln mit Filtern gewinnen, die nur ganz bestimmte Wellenlängen durchlassen und den Kontrast erhöhen; die am häufigsten verwendeten Filter sind UHC (Ultra High Contrast), O III und H-Beta. Das UHC-Filter ist ziemlich allgemein einsetzbar, O III und H-Beta sind noch enger ausgelegt. Für das H-Beta-Filter gibt es eigentlich überhaupt nur zwei interessante Objekte: den Kalifornien-Nebel im Perseus und den wunderschönen, sehr bekannten Pferdekopfnebel im Orion, den aber nur wenige Beobachter gut gesehen haben. O III-Filter werden v. a. für planetarische Nebel verwendet; sehr viel bringt O III beispielsweise beim Cirrus-Nebel im Schwan.
- Offene Sternhaufen: Gehören zu meinen Lieblingsobjekten im Fernrohr. Kein Foto kann das Erlebnis wiedergeben, wenn man auf einen Haufen glitzernder Pünktchen schaut. Die Fotos zeigen da nur zahlreiche mehr oder weniger große helle Flecken. Visuell kann man mit verschiedenen Vergrößerungen experimentieren, bei längerem Hinschauen werden oft noch viel mehr Sterne sichtbar. Selbst für kleine Fernrohre gibt es schon zahlreiche lohnende Objekte.
- Kugelsternhaufen: Auf den Fotos sieht man meistens einen weißen Fleck in der Mitte, der gegen den Rand hin in immer mehr Einzelpunkte zerfällt. Visuell kann man bei den schönsten Kugelsternhaufen (M 3, M 4, M 13, M 22, M 92) bei höherer Vergrößerung und ausreichender Öffnung bis ins Zentrum hinein auflösen! Das heißt, wo am Foto nur eine weiße Fläche erkennbar ist, ist im Fernrohr eine Unzahl winziger Pünktchen zu sehen. Als ich meinen ersten Kugelsternhaufen mit dem 10-Zöller aufgelöst habe (M 3), hat's mir richtig den Atem verschlagen.
Wie man sieht sollte man nur in etwa wissen, was man beim Anblick im Fernrohr im Vergleich zu Fotos erwarten kann; dann nämlich steht einem der Himmel offen für phantastische visuelle Erlebnisse!
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© 2000, Wolfgang Stroh, Linz/Austria